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21 Apr 2009

Die demolierte Literatur

Author: admin | Filed under: Literatur

Karl Kraus – „Wiener Rundschau“, 1896/97

Wien wird jetzt zur Grossstadt demoliert. Mit den alten Häusern fallen die letzten Pfeiler unserer Erinnerungen, und bald wird ein respectloser Spaten auch das ehrwürdige Café Griensteidl dem Boden gleichgemacht haben. Ein hausherrlicher Entschluss, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind. Unsere Literatur sieht einer Periode der Obdachlosigkeit entgegen, der Faden der dichterischen Production wird grausam abgeschnitten. Zu Hause mögen sich Literaten auch fernerhin froher Geselligkeit hingeben; das Berufsleben, die Arbeit mit ihren vielfachen Nervositäten und Aufregungen spielte sich in jenem Kaffeehause ab, welches wie kein zweites geeignet schien, das literarische Verkehrscentrum zu repräsentiren. Mehr als ein Vorzug hat dem alten Locale seinen Ehrenplatz in der Literaturgeschichte gesichert. Wer gedenkt nicht der schier erdrückenden Fülle von Zeitungen und Zeitschriften, die den Besuch unseres Kaffeehauses gerade für diejenigen Schriftsteller, welche nach keinem Kaffee verlangten, zu einem wahren Bedürfniss gemacht hatte? Braucht es den Hinweis auf sämmtliche Bände von Meyer’s Conversationslexikon, die, an leicht zugänglicher Stelle angebracht, es jedem Literaten ermöglichten, sich Bildung anzueignen? Auf das reiche Schreibmaterial, das für unvorhergesehene Einfälle stets zur Hand war? Namentlich die jüngeren Dichter werden das intime, altwienerische Interieur schmerzlich entbehren, welches, was ihm an Bequemlichkeit gefehlt, jederzeit durch Stimmung zu ersetzen vermocht hat. Nur der grosse Zug, der hin und wieder durch diese Kaffeehausidylle ging, wurde von den sensiblen Stammgästen als Stilwidrigkeit empfunden, und in der letzten Zeit häuften sich die Fälle, dass junge Schriftsteller angestrengte Productivität mit einem Rheumatismus bezahlten. Dass in einem so exceptionellen Café auch die Kellnernatur einen Stich ins Literarische aufweisen musste, leuchtet ein. Hier haben sich die Marqueure in ihrer Entwicklung dem Milieu angepasst. Schon in ihrer Physiognomie drückte sich eine gewisse Zugehörigkeit zu den künstlerischen Bestrebungen der Gäste, ja das stolze Bewußtsein aus, an einer literarischen Bewegung nach Kräften mitzuarbeiten. Das Vermögen, in der Individualität eines jeden Gastes aufzugehen, ohne die eigene Individualität preiszugeben, hat diese Kellner hoch über alle ihre Berufscollegen emporgehoben, und man mochte nicht an eine Kaffeesiedergenossenschaft glauben, die ihnen die Posten vermittle, sondern stellte sich vor, die deutsche Schriftstellergenossenschaft habe sie berufen. Eine Reihe bedeutender Kellner, welche in diesem Kaffeehause gewirkt haben, bezeichnet die Entwicklung des heimischen Geisteslebens. Eine überholte Dichtergeneration sah Franz, den Würdigen, dessen Andenken noch in zahlreichen Anekdoten festgehalten wird. Es lag Stil und Grösse darin, wenn er einem Passanten, der nach zwanzig Jahren wieder einmal auftauchte, dieselbe Zeitung unaufgefordert in die Hand gab, die jener als Jüngling begehrt hatte. Franz, der k. k. Hof-Marqueur, hat eine Tradition geschaffen, welche heute von den Jungen über den Haufen geworfen ist. Mit dem Tode des alten Kellners, dessen hofräthliche Würde schlecht zu dem Sturm und Drang der Neunzigerjahre gepasst hätte, begann eine neue Aera. Franz, der mit Grillparzer und Bauernfeld verkehrt hatte, erlebte es noch, wie der Naturalismus seinen Siegeslauf von Berlin in das Café Griensteidl nahm und als kräftige Reaction gegen ein schöngeisterndes Epigonenthum von einigen Stammgästen mit Jubel aufgenommen ward. Seit damals gehört das Café Griensteidl der modernen Kunst, eine neue Kellnergeneration stand bereit, sich mit dem complicirten Apparat von Richtungen, die in der Folge einander ablösten, vertraut zu machen; die bis dahin als Zuträger einer veralteten Literatur gedient hatten, waren nun als Zahlmarqueure einer modernen Bewegung mit der Umwerthung aller Werthe beschäftigt; sie verstanden es, mit der Zeit zu gehen, und genügten bald den Anforderungen einer gesteigerten Sensitivität. Die Stimmungsmenschen, die jetzt wie die Pilze aus dem Erdboden schossen, verlangten seltsame Farbencompositionen für Gefrorenes und Melange, es machte sich die gebieterische Forderung nach inneren Erlebnissen geltend, so dass die Einführung des Absynths als eines auf die Nerven wirkenden Getränkes nothwendig wurde. Sollte die heimische Literatur aus Paris und Deutschland ihre Anregungen erhalten, so musste das Kaffeehaus sich die Einrichtungen von Tortoni und Kaiserhof zum Muster nehmen.
Bald war man mit dem consequenten Realismus fertig, und Griensteidl stand im Zeichen des Symbolismus. „Heimliche Nerven!“ lautete jetzt die Parole, man fing an, „Seelenstände“ zu beobachten und wollte der gemeinen Deutlichkeit der Dinge entfliehen. Eines der wichtigsten Schlagworte aber war „Das Leben“, und allnächtlich kam man zusammen, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen oder, wenn’s hoch ging, das Leben zu deuten.
Die ganze Literaturbewegung einzuleiten, die zahlreichen schwierigen Ueberwindungen vorzunehmen, nicht zuletzt, dem Kaffeehausleben den Stempel einer Persönlichkeit aufzudrücken, war ein Herr aus Linz berufen worden, dem es in der That bald gelang, einen entscheidenden Einfluss auf die Jugend zu gewinnen und eine dichte Schaar von Anhängern um sich zu versammeln. Eine Linzer Gewohnheit, Genialität durch eine in die Stirne baumelnde Haarlocke anzudeuten, fand sogleich begeisterte Nachahmer, – die Modernen wollten es betont wissen, dass ihnen der Zopf nicht hinten hing. Alsbald verbot der verwegene Sucher neuer Sensationen aus Linz seinen Jüngern, von dem „Kaiserfleisch des Naturalismus“ zu essen, empfahl ihnen dafür die „gebackenen Ducaten des Symbolismus“ und wusste sich durch derlei zweckmässige Einführungen in seiner Position als erster Stammgast zu behaupten. Seine Schreibweise wurde von der literarischen Jugend spielend erlernt. Den jüngsten Kritikern öffnete er die Spalten seines neugegründeten Blattes, welches allwöchentlich den Bahnbrecher und seine Epigonen in engster Nachbarschaft sehen liess und noch heute eine nur durch die Verschiedenartigkeit der Chiffren gestörte Stileinheit aufweist. Damals, als er noch nicht die abgeklärte Ruhe des weimarischen Goethe besass, war es für die Anfänger noch schwer, ihm durch das Gestrüpp seines seltsam verschnörkelten und kunstvoll verzweigten Undeutsch zu folgen. Heute, wo er Goethe copirt, findet er die meisten Nachahmer. Kaum einen seiner Schüler gibt es, der um den Unterschied zwischen einem „Kenner“ und einer „Menge“ verlegen wäre. Ein jeder, der das Buch eines tadelnswerthen Autors zu besprechen hat, weiss, dass man diesem nicht ein gewisses Können, sondern „immerhin eine gewisse Macht“ zusprechen kann.
Hier eine der Wirklichkeit nahekommende Stilprobe aus der Zeit, da die französirende Art des Meisters noch nicht mit Goetheischen Sprachelementen durchsetzt war. Ueber das Werk eines Griensteidl-Gastes und seine Aufführung im „Deutschen Volkstheater“ mag er sich etwa geäussert haben:
„Es ist, je öfter man in dieses „Deutsche Volkstheater“ mit den Anführungszeichen um jeden Preis hineingeht, ein gewaltsamer Aerger, über die Darstellung, über diesen Herrn Kadelburg mit der Eleganz vom Tapezierer und über dieses Publicum mit den Ansichten vom Wurstlprater. Man kennt den Schnitzler. Ich habe, wie ich neulich die Dränge des jüngsten Oesterreich zeigte, die besondere Art des Schnitzler gelehrt. Es passt das herbe Wort des heimlichen und geflissentlich komischen Julius Bauer, dort, wo er eigentlich schon mehr Isidor Fuchs heisst: „Ein kleiner Beamter hat nichts, aber das hat er sicher.“ Er will den Viveur, aber mit der wienerischen Note, nicht in der Technik der Franzosen, wie ihn etwa Pierre Blanchard gezeichnet haben würde oder ein anderer französischer Eigenname, den nur ich kenne, wenn ich von Ferry Beraton absehen will, der ihn dann aber auch von mir hat, auch nicht in der Art dieses Herrn Fulda, der die letzten Wünsche des Banquiers aus der Rauch- und Thiergartenstrasse in jenen schleimigen und schnodderigen Weisen des Schunkelwalzers ablauschte.
Es ist die Kunst der Nerven, von den Nerven auf die Nerven, und man muss dabei an Berti Goldschmidt denken und an die psychologie blasée der Stendhal und Huysmans, von den Goncourt’s über Lavedan bis zu Loris und Maurice Barrès und nach Portoriche, die mit der feinen Nase für den Geruch der Dinge, die wie ein letzter Rest von Champagner ist und sich wie die zähe Schmeichelei verblasster alter Seide fühlt, aber immer ein bischen in dem lieben, traulichen Wienerisch des Canaletto. Er gibt müde Stimmungen, die um die Kunst der Watteau und Fragonard sind, mit der weichen Grazie der Formen und mit den halben, heimlichen Contouren, die sich nur noch nicht recht trauen. Aber es gährt noch. Seine Kunst sucht Harmonie. Ein Rest bleibt. Das sind die kurzen Sätze. Ich kann nichts dafür. Es sind verwegene, ungestüme und verworrene Triebe, die drängen. Aber der zuversichtliche Gestalter des intimen Erlebnisses, das Kunst verlangt, setzt sich bald durch. Und nun die Darstellung. Da will Vieles nicht. Manches gelingt. Die Sandrock war wieder ein köstliches Wunder an reiner Kraft und Schönheit. Aber ihre fürstliche Kunst war allein. Nur Herr Nhil darf sich noch an ihr messen, allenfalls auch der sicher wachsende Giampietro und Tewele, wenn er sich die Nase abgewöhnen möchte. Bei den Anderen musste ich an Iglau denken, dort, wo es schon Leitomischl ist. Es war schändlich und beleidigend. Freilich fehlt die Regie. Künstlerische Triebe zerfahren. Ein besserer Tapezierer und Kadelburg kann nicht helfen. Die sichere Weise des spitzen Martinelli wäre da mehr am Platze gewesen, seine nachdenkliche und wägende Technik, die trifft. Herr Kutschera lässt als Gigerl seine Helden vergessen. Fräulein Hell, die immer so heult, werde ich nie vergessen und verwinden können. Darum spielen sie jetzt auch die junge, begabte Bauer gegen die ältere Collegin aus, jenes liebe, blasse Mädchen, das rührt.
Aber wie Herr Broda den Moritzky gab, muss man sehen. Ganz Wien sollte hin. Das ist über den Spanier Vico und den Holländer Boomeester etwas ganz Neues, wie er in diesen Moritzky hineinkriecht, ohne Rest. Er gab die Erlösung und Weihe des Abends. Es ist ein halber Kainz in ihm und eine heimliche Duse. Mir fehlen die Worte. Aber man müsste die Formel suchen für die vagen und wirren Empfindungen um das grosse Unerhörte der Kunst des Broda.“
In jedem seiner Referate ergoss sich eine Sturzfluth neuer Eigennamen ins Land. Die Kunstgrössen, die er einführte, waren einzig und allein ihm dem Namen nach bekannt; oft hatte er sie von spanischen Theaterzetteln oder gar portugiesischen Strassentafeln abgelesen. Noch heute versteht er es, uncontrolirbaren Thatsachen den Schein des Erlebten zu geben, Dinge, die er gerade anbringen will, tiefursächlich zusammenzuhängen. Es ist – um in seinem Stil mit Goethe zu sprechen – ein ungemeiner Zettelkasten, den nicht er, sondern der ihn hat.
Als Kritiker hatte er bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Er interessirte. Mochte man auch nicht immer mit dem Ton einverstanden sein, man sagte sich doch, da ist Einer, der Klärung bringt, der, auf das Unverständniss Anderer nicht angewiesen, jederzeit sein selbstständiges Vorurtheil hat. Der seichte Impressionismus, dem sich dieser kritische Bummler überliess, berührte anheimelnd; der Mangel an Humor, der eine seltene Standpunktlosigkeit verkleidete, aber doch discret durchblicken liess, gefiel, der Tadel, der kein zielbewusster Angriff, sondern vages Anrempeln war. Man klatschte Beifall, wenn er in seiner Weise Protest gegen den guten Geschmack erhob und an das dionysische Bedürfniss des Studenten erinnerte, Gewölberollläden mit dem Spazierstocke zu streifen. Dermassen hat er oft sich ausgelebt und die Wachleute der öffentlichen Literaturordnung geuzt.
Sturm und Drang wurden eines Tages von weimarischer Vornehmheit abgelöst. Die Zeit der Reife brach für ihn an, blasirte Behaglichkeit trug seine Worte, und aus den Weisungen, die er von seiner Höhe an die Jugend des Landes ergehen liess, sprach „schöne Güte“. Aber sogleich fasste dieselbe Jugend den Entschluss, ihm nachzureifen, die jüngsten sprachen von den „jungen Künstlern“, und als eines Tages das Erstlingswerk eines Neunzehnjährigen erschienen war, rief ein zwanzigjähriger Gönner aus: „Es ist mir nicht unlieb, dass die jungen Leute jetzt ein bischen emporkommen!“ Auch jene Menge von Kennern, welche die Posen erst aus zweiter Hand haben und auf die Affectationen subabonnirt sind, bekannte sich jetzt zur olympischen Weltanschauung, und das ruhige Künstlerauge, mit dem einige reine Künstler über ökonomische Thatsachen hinwegsahen, verrieth nur zu deutlich die Goethe-Naturen. Kurz, Alles, was im Café Griensteidl die Zeche schuldig bleibt, war jetzt abgeklärt. Wer nicht eigentlich zur Literatur gehörte, aber den Gesprächen lauschen und Stichworte bringen durfte, begann sich als Eckermann zu fühlen. Der Führer aber, der so that, als ob Weimar und nicht Urfahr die Vorstadt von Linz wäre, weitete seinen Blick immer mehr und wurde so vielseitig, dass man allgemein befürchtete, er werde sich am Ende noch mit Farbenlehre und Optik beschäftigen. Denn nicht zufrieden damit, eine ungefähre Kenntniss des Theaters zu besitzen, fing er jetzt an, bildende Kunst misszuverstehen, ja abstract philosophische Themen eingehender zu verflachen. Für den wohlwollenden Ton, in welchem dieser erste Kenner zu seiner Menge sprach, sind die Worte charakteristisch, die er unlängst in einer Abhandlung über den Werth körperlicher Uebungen geschrieben hat: „… und so kann man mich jetzt, gegen meine sonst lieber sitzende und meditativ herumliegende Art, fleissig in unserer lieben Stadt spazieren sehen, ganz wie Vater Horaz, behaglich schlendernd, Schwänke im Sinn, ohne Plan.“
Ueber den Verkehr mit seinen Schülern ist bekannt, dass der Herr aus Linz sich jederzeit mit Selbstentäusserung für sie eingesetzt hat. Ohne ihn wäre manche junge Talentlosigkeit frühzeitig zugrunde gegangen und vergessen worden. Es sind nicht Wenige, die sich rühmen können, von ihm entdeckt zu sein. Sie tragen das unverlöschliche Brandmal seiner Prophezeiung, Europa werde in vier Wochen von ihnen sprechen. „Wie ich Europa kenne“ – denn, sagte er einmal, „Europa zwischen Wolga und Loire hat kein Geheimniss vor mir“. Nun schien es aber selbst in dieser bescheidenen Einschränkung doch ein Geheimniss vor ihm zu haben. Es wollte sich, selbst als man den Termin der vier Wochen erheblich prolongirt hatte, zu einer Aeusserung über die im Café Griensteidl gemachten Entdeckungen nicht bewegen lassen. Aber vielleicht hat gerade der Umstand, dass sie nach so lärmender Inscenirung unbekannt blieben, diesen jüngsten Dichtern einen Namen gemacht.
Eine der zartesten Blüthen der Decadence sprosste dem Café Griensteidl in einem jungen Freiherrn, der, wie man erzählte, seine Manierirtheit bis auf die Kreuzzüge zurückleitet. Die Art des jungen Mannes, der sich einst zufällig in das Kaffeehaus verirrte, gefiel dem Herrn aus Linz. Als jener sich vollends zu der enthusiastischen Bemerkung hinreissen liess: „Der Goethe is ganz g’scheit“, da fühlte dieser: hier lag eine Fülle von Manierirtheit, die der Literatur nicht verloren gehen durfte. So ward in dem Jüngling das Bewusstsein seiner Sensitivität geweckt, welches ausgereicht hätte, ihn zu productivem Schaffen anzuregen. Dazu kam eine mit Kalksburg übertünchte Phantasie, und als das Product jener geistigen Beschränktheit, welche, von den sich an das Wort „wienerisch“ knüpfenden Vorstellungen ausgefüllt, unter dem Namen: reines Künstlerthum geläufig ist, entstand eine Novelle, „Der Kindergarten der Unkenntniss“.
Kein Wunder, dass sie dem Entdecker gefiel. Er stellte den Autor neben Goethe, den neuerlich zu feiern er Gelegenheit fand, und freute sich, dass ihm das Verständniss für den ihm unbekannten Meister aus der Ueberschätzung des ihm bekannten Dilettanten so schön aufgegangen war. Goethe hatte die Bausteine für einen jungen Ruhm und die Phraseologie einer neuen Kunst für das Café Griensteidl zu liefern. In der That erschien das kunstphilosophische Grundprincip von dem „Besondern, aus dem das Allgemeine zu ziehen“ und dem „Einzelfall, der in das Ewige zu rücken“ ist, wiederholt compromittirt und als modernes Schlagwort protzig hingestellt, auf die letzte literarische Sensation insoferne anwendbar, als hier der Herr aus Linz für eine besondere Talentlosigkeit das allgemeine Interesse in Anspruch nehmen wollte und die Blamage, die wohl ein Einzelfall war, in das Ewige zu rücken gewusst hat
Noch oft hat Goethe ihm in der Folgezeit wichtige Dienste geleistet; sein Zettelkasten wuchst, entwickelte sich, reifte. Die sattsam bekannte Anekdote von dem Hunde Bello pflegt er noch heute gegen den einst von ihm vertheidigten Naturalismus auszuspielen, und als die literarische Eigenthumsfrage acuter wurde, glaubte er für die künstlerische Verklärung des Plagiats sich auf Goethe berufen zu sollen. Wonach sich communistische Gäste des Café Griensteidl so lange gesehnt hatten, der literarische Diebstahl war mit Erlass vom 20. Juni 1896 gestattet. Censurfreiheit und Aufhebung des Colportageverbotes hätten das heimische Schriftthum kaum besser befruchten können.

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20 Apr 2009

Die demolierte Literatur – II

Author: admin | Filed under: Literatur

Karl Kraus – „Wiener Rundschau“, 1896/97, II

Man mag kühn behaupten, der Wirkungskreis, den der Herr aus Linz in Wien erlangte, habe sich auf drei, bei gut besuchtem Kaffeehause vier Tische erstreckt. Vom linken Spiegeltisch an beginnt seine Popularität nachzulassen. Hier postirten sich jene Literaten, die, nicht gewillt, seine absolutistische Geschmacksdictatur bedingungslos anzuerkennen, sich bald von ihm losgesagt und als selbstständige Poseure etablirt hatten. Indes, der Einfluss des Mannes, der, wo er sich nicht direct für eine Unbegabung eingesetzt, doch auch noch kommenden Mittelmässigkeiten den Boden gelockert hat sollte nicht ohneweiters vergessen werden. Die solchen Impuls empfangen hatten, gingen allerdings, während er an der Ueberschätzung neuer Talente arbeitete, den Weg eigener Entwicklung. Es ist ihnen nicht leicht gemacht worden. Eigener Kraft verdanken sie den heutigen Besitz ihrer Nervenschwäche; Self-made-men der Unnatürlichkeit, mussten sie sich ihre Blasirtheit erst erwerben. – Es ist nun rührend, wie aristokratische Dichter, deren Adel bereits zahlreiche Degenerationen umfasst, sich über Standesunterschiede hinwegsetzen und ohne Stolz mit den Emporkömmlingen der Decadence verkehren. Diese sind eben heute der eigentliche Hort dessen, was man im Auslande als moderne wienerische Kunst zu bezeichnen pflegt, – Jung-Oesterreich. Wien heisst der geistige Nährboden dieser Poeten, denen ein gütiges Geschick das süsse Vorstadtmädel schon in die Wiege gelegt hat, und die so genügsam sind, dass sie mit ein paar Wiener Stimmungen ihr ganzes Leben auszukommen hoffen.
Die moderne Bewegung, die vor einem Jahrzehnt vom Norden ausging, hat hier nur rein technische Veränderungen hervorgerufen. Von der inneren Wirkung neuen Styls, der das Stoffgebiet E-Learning erweitern half und sociale Probleme ins Rollen brachte, ist unsere junge Kunst verschont geblieben, die geradezu in der Abkehr von den geistigen Kämpfen der Zeit ihr Heil sucht. Wenn Gedankenarmuth in Stimmungen schwelgen will, muss das Wienerthum für die Farbe herhalten, und der Localpatriotismus erwacht zu neuem, sensitiverem Dasein.
Ueber den vielen Kaffeehaussitzungen, die zum Zweck einer endgiltigen Formulirung des Begriffes »Künstlermensch« abgehalten wurden, sind so manche dieser Schriftsteller nicht zur Production gekommen. Bevor man sich nicht über eine Definition geeinigt hatte, wollte sich keiner an die Arbeit trauen, und manche hatten sich längst als Stammgäste einen Namen gemacht, bevor sie dazu kamen, sich ihn durch ihre Werke zu verscherzen. Griensteidl ist nun einmal der Sammelpunkt von Leuten, die ihre Fähigkeiten zersplittern wollen, und man darf sich über diese Unfruchtbarkeit von Talenten nicht wundern, welche so dicht an einem Kaffeehaustisch beisammen sitzen, dass sie einander gegenseitig an der Entfaltung hindern. Prätention scheint ja in Fülle vorhanden zu sein, überall, an allen Ecken und Enden, keimt eine junge Manierirtheit, wie sie bis nun keine zweite Literaturbewegung hervorgebracht hat: wenn jetzt auch noch Begabung hinzukommen sollte, werden wir jungen Oesterreicher getrost das Ausland Ungarn Tourismus in die Schranken fordern können.
Bis heute war in diesen Kreisen eine affectirte Beziehung zur Kunst vorgeschrieben, und das eigenartige Können der Jungwiener Dichter besteht darin, dass sie ein grosses Interesse für lebemännische Alluren an den Tag legen, dass sie imstande sind, von den Eindrücken eines Ronacher-Abends durch Wochen zu zehren, die Komik eines Clowns mit Behagen zu geniessen und bei jedesmaligem Zusammensein die ältesten Anekdoten auszutauschen. Derselbe Geist, wenn er aus solcher Lebensfülle in beschauliches Alleinsein flieht, findet Stimmungstrost in dem Gedanken an die „stillen Gassen am Sonntag-Nachmittag“ und an das „unsäglich traurige Praterwirthshaus an Wochentagen“, – immer wiederkehrende sentimentale Wahnvorstellungen, die diesen rührend engen Horizont ausfüllen. Auch haben sie in Wien einige Oertlichkeiten gepachtet, in die sie ihre ganze eigene Empfindungswelt einspinnen. So müssen die Fischerstiege, der Heiligenkreuzerhof, die Votivkirche und die Karlskirche ihren Bedarf an Stimmungen decken. „Die Karlskirche gehört mir!“ rief einer eines Tages, da der Tischnachbar sie ihm streitig machen wollte. Als Letzterer sich mit dem Wienufer zufrieden gab, war der Grenzstreit der Stimmungen friedlich beigelegt.
Der am tiefsten in diese Seichtigkeit taucht und am vollsten in dieser Leere aufgeht, der Dichter, der das Vorstadtmädel burgtheaterfähig machte, hat sich in überlauter Umgebung eine ruhige Bescheidenheit des Grössenwahnes zu bewahren gewusst. Zu gutmüthig, um einem Problem nahetreten zu können, hat er sich ein- für allemal eine kleine Welt von Lebemännern und Grisetten zurechtgezimmert, um nur zuweilen aus diesen Niederungen zu falscher Tragik emporzusteigen. Wenn dann so etwas wie Tod vorkommt, – bitte nicht zu erschrecken, die Pistolen sind mit Temperamentlosigkeit geladen: „Sterben“ ist nichts, aber leben und nicht sehen….!
Nicht um Leben aufzunehmen, treten diese Nachempfinder dann und wann aus dem Schneckengehäuse ihres angeblichen Ich heraus, nur um dessen coquette Windungen andächtig zu betrachten. Ein an franzosischen Vorbildern geübter Formensinn läßt sie an der dekorativen Ausgestaltung ihrer nächsten Umgebung, ja der eigenen Person ein naives Vergnügen finden. Da ist ein Schriftsteller, der so grosse Erfolge auf dem Gebiete der Mode aufzuweisen hat, dass er sich getrost in eine Concurrenz mit der schönsten Leserin einlassen kann. Diesem Autor, der seit Jahren an der dritten Zeile einer Novelle arbeitet, weil er jedes Wort in mehreren Toiletten überlegt, liefert ein persischer Tuchfabrikant die besten Stoffe. Mit eisernem Fleisse schafft er an seiner Kleidung und feilt sie bis in das feinste und subtilste Detail; seine Hemden verblüffen, und da er sehr productiv ist, lässt er exotische Muster in rascher Abwechslung aufeinander folgen. Stets auf Schönheit und möglichste Exactheit einer jeden Pose bedacht, versteht er Alles um sich herum zu geschmackvoller Wirkung zu vereinigen, indem er beispielsweise nur mit solchen jungen Leuten verkehrt, deren Anzug zu dem jeweiligen seinen passt, und er geht dann in der so hergestellten Harmonie der Freundschaft seelisch ganz auf. Ein gut gelegter Faltenwurf ist ihm Erlebniss, und wenn er spricht, wendet er peinliche Sorgfalt daran, seine Oberlippe decorativ zu verwerthen. So drapirt er sich selbst sein Milieu und tapeziert sich gemächlich sein Leben aus.
In seinem Kreise hat er einen sehr heiklen Dienst zu versehen. Seine Aufgabe ist es, den Toilettezustand jedes ankommenden Literaten zu visitiren und allfällige Correcturen vorzunehmen. Das gelingt unserem Dichter oft mit ein paar charakteristischen Strichen. Hier ist er gerade damit beschäftigt, selbst die letzte Hand anzulegen, dort ertheilt er zweckmässige Weisungen, gibt einschlägige Winke und praktische Rathschläge; hier ergänzt er die fragmentarische Schönheit einer Bicycledress, dort spricht er durch einen vorwurfsvollen Blick die Unmöglichkeit eines ganzen Hosenstoffes aus. Sein prägnanter Tadel: „Das wird sich nicht halten.“ oder: „Das tragt man nicht mehr.“ oder „Mit Ihnen kann man nicht gehen.“; sein bündiges Lob: „Das kann so bleiben.“ Und man mag sich diese Kritik ruhig gefallen lassen, da unser Dichter selbst der Natur gegenüber mit ähnlichen Bemerkungen nicht zurückhaltend ist, indem er sich beim Anblick einer Landschaft schon wiederholt geäussert haben soll: „Das müsste etwas stylisirt werden!“ und nur selten das Lob spendet: „Das kann so bleiben.“

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19 Apr 2009

Die demolierte Literatur – III

Author: admin | Filed under: Literatur

Karl Kraus – „Wiener Rundschau“, 1896/97, III

Man sieht, es ist nicht immer nur das Fachinteresse, auf welches Gäste des Literatur-Cafés rechnen können, einige tragen ja doch auch eine allgemein menschliche Komik zur Schau. Man verzeihe, dass sie unbedeutend sind, und man wird sich ihrer Wirksamkeit freuen. Der kleinste Streber, der in dem Kampfe um das Kaffeehaus-Dasein sich durchsetzen will und nach einer festen Position an dem Tische der fertigen Literaten ringt, darf nicht übersehen werden. Die Entwicklung werdender Talentlosigkeiten gibt eine Fülle von Beobachtungen an die Hand, und pikant ist es, durch ein Kaffeehausfenster zuzusehen, wie sich heute der Neuling durch den gestern gemachten Mann lancirt. – Da fällt zunächst ein Schriftsteller auf, der sich aus schüchternen Anfängen zum Freunde des Burgtheaterautors emporgerungen hat. Sechs Uhr ist es, also Zeit, dass er auf dem Plan erscheine. Ein Parvenu der Gesten, der seinen literarischen Tischgenossen Alles abgeguckt hat und ihnen die Kenntniss der wichtigsten Posen verdankt. Haben es die Andern in der Unnatürlichkeit bereits zu einiger Routine gebracht, ihm sieht man stets noch die Mühe an, die ihn seine Nervosität kostet. Immerhin hat er sich heute doch schon glücklich drei Nerven zusammengescharrt, die ihm die Ausübung einer bescheidenen Sensitivität erlauben. So legt er besonderen Werth darauf, es nicht vertragen zu können, wenn man mit einem Messer auf den Teller kratzt. Aus solchen Vorfällen, die in Andern das normale Unbehagen erzeugen, empfängt er die Anregung zu dichterischem Schaffen. Hier liegen Art und Stärke seines Talentes. Nach den Stoffen hatte er nie weit zu gehen. Er schrieb immer das, woran seine Freunde gerade arbeiteten, und da die Jung-Wiener Schule einstimmig das Thema vom Sterben gewählt hat und mit vereinten Kräften dem Tode ein paar Novellen abzuringen bemüht ist, sehen wir ihn mit der Anempfindung einiger Sentimentalitäten über Begräbnisse, Friedhofskränze und Hinterbliebene eifrig beschäftigt. Seine Production muss man sich so vorstellen, dass er, eine Art Nuancenzuträger, sämmtliche Einfälle seines accreditirteren Freundes in Aufbewahrung hat und dafür jeden zehnten benützen darf. Wiewohl er in einem Ausverkaufe von Individualitäten billig zu einer solchen gekommen sein soll, hat sich ihm das reine Künstlerthum auf die Dauer doch nicht rentirt. Er, dem es in seinem Kreise stets eingeschärft worden war, auf die Tagesschriftsteller mit Verachtung herabzusehen, lief bald in den Hafen der Journalistik ein, aber mit dem festen Vorsatz, sich als ehemaliger Literat über das Niveau seiner nunmehrigen Collegen zu erheben. Glücklicherweise war ihm noch von früher her der Tonfall modernen Styles im Ohre geblieben, seine Freunde hatten ihm einige unterstandslose Beobachtungen mit auf den Weg gegeben, und ein paar verkommene Nuancen, die einst vom Tische abgefallen waren, raffte er noch in Eile auf. Im Uebrigen mit einer tüchtigen Portion Selbstvertrauen begabt, wohl wissend, dass er, wo er sich nicht auf seine Freunde verlassen könne, schon auf eigene Faust undeutsch schreiben werde, begann er seine Thätigkeit. Zunächst fragte er einen Wachmann nach der Lage des Theaters, dessen Tradition zu bekämpfen er entschlossen war. Man kann sagen, er hat bis heute doch die wichtigsten Stücke Schiller’s und Shakespeare’s gesehen – warum zögert die Direction so lange mit dem Königsdramen-Cyklus? „Hamlet“ z. B. sah er gelegentlich einer Neubesetzung zum erstenmale, wobei er als gewissenhafter Recensent nicht verfehlte, vorher sich von der Directionskanzlei das Manuscript zu erbitten; und mit der ganzen Lapidarität, mit der sich seine Seichtheit nicht selten auszudrücken liebte, soll er kürzlich, entzückt, so weit es seine Würde zuliess, ausgerufen haben: „Man wird die Wolter im Auge behalten müssen!“ (Auge anm. Augenoperation). Stets hat er sich als der schneidige, unabhängige Kritker erwiesen, der weder nach oben noch nach unten Concessionen macht, ja selbst mit Hinansetzung aller grammatikalischen Rücksichten gegen Uebelstände energisch Stellung zu nehmen bereit ist. Der reformatorische Eifer berührte sympathisch, wenn er, ein eingewurzeltes Vorurtheil bekämpfend, dem Schauspieler Martinelli eine „breite, behagliche Gemüthlichkeit“ nachrühmte. Als Ironiker stand er allzeit auf eigenen Gänsefüsschen, und wenn es die Geisselung des Wiener Komodiantencultus galt, drohten in der Druckerei die Anführungszeichen auszugehen; denn immer neue uninteressante Seiten wusste er diesem Thema abzugewinnen. Einige Fremdworter kamen ihm so neu vor, dass er es mit ihnen immer wieder versuchen zu müssen glaubte; so behauptete er stets, dass Herr Reimers ad spectatores spreche und dass das Fräulein Bleibtreu karyatidenhaft sei. Vielleicht war hier die Freude, Ausdrücke, die man sonst erst im Obergymnasium kennen lernt, schon nach vier Classen zu beherrschen, doch etwas zu stark betont.
Eines Tages liess er sich Muther’s „Geschichte der Malerei des XIX. Jahrhunderts“ als Recensionsexemplar kommen und ward so Kunstkritiker. Als bald darauf die Muther-Hetze losging, der berühmte Kunsthistoriker vielfach des Plagiats beschuldigt und Alles hervorgeholt wurde, was bis dahin in Deutschland in seinem Fache geschrieben worden war, erzählte man sich, Muther habe auch unsern Recensenten benützt.
Im journalistischen Dienste hart mitgenommen, hat sich der Literat bis heute doch seine Eigenart zu wahren gewusst Die Verwechslung des Dativs mit dem Accusativ gelingt ihm noch immer mit unverminderter Jugendfrische. Anfänglich hatte er wohl mit dem Widerstand der Setzer zu kämpfen, die bekanntlich immer klüger sein wollen als der Schriftsteller und gerne corrigiren, weil sie für undeutsch ansehen, was individuellster Ausdruck einer künstlerischen Persönlichkeit ist, aber bald lernten sie die Eigenart unseres Autors respectiren, und sein Talent setzte sich durch. Ungehindert konnte er sich nun ausleben, und man erkannte ihn auch in nicht unterzeichneten Artikeln. Wenn er z. B. bei einer alternden Schauspielerin den „heissen Athem“ vermisste, „der Einem nur aus kindlichem Mädchenbusen anweht“, so wäre es ein Uebriges gewesen, hier auch noch seine Chiffre hinzuzufügen. Selbstverständlich begegnet er die Leute, aber auch diesen Accusativ weiss er wieder zu verwechseln und gelangt zu einem ganz unerwarteten Resultate, wenn er schliesslich von Leuten spricht, die Einem begegnen, und so durch ein Versehen das Richtige findet. Anlässlich des Sonnenthal-Jubiläums im Vorjahre hat er, der Bedeutung des Gefeierten entsprechend, mehrere falsche Casusse gebracht. Er erzählte damals, „die vierzig Jahre, die der Künstler dem Burgtheater treulich gedient“, hätten „ihm zum Repräsentanten dieser geliebten Bühne gemacht“, man habe Sonnenthal „zu verstehen geben wollen, dass man ihm noch immer gerne in seinen jugendlichen Rollen zu sehen wünsche“, – woran er die allgemeine Bemerkung knüpfte, der Schauspieler müsse seine Rolle leben, er müsse „in sie aufgehen“. Wo es die Besprechung von dramatischen Anfängern galt, zeigte er sich stets nachsichtig; ein Tadel, erklärte er, würde „Einem nur au niveau mit dem Dilettanten setzen“. Als die Zeitung, bei der er thätig ist, einst die telegraphische Nachricht brachte, „die serbisch-montenegrinische Verbindung mitsammt des daranhängenden Heirathsgedankens“ stehe in Frage, liess man sich damals vielfach zu der Meinung verleiten, dass er auch die Depeschen einrichte, was einer entschiedenen Ueberschätzung seines Wirkungskreises gleichkam, da das Ressort unseres Freundes ausschliesslich die Verwechslung des Dativs mit dem Accusativ, nie mit dem Genitiv, und auch diese nur im Theater- und Kunsttheile, umfasst.
Kein Mensch wird ernstlich behaupten, dass solche und ähnliche grammatikalische Eigenheiten einem in der literarischen Carrière behindern können. Vollends durch die Prätention, mit die er seine Seichtigkeiten vorbringt, vermag ein Schriftsteller jederzeit auf dem Leser zu wirken.
Was nun über den literarischen Rahmen hinausreicht, geht niemandem etwas an. Einige wollen sich zu den von ihm vertretenen Ansichten nicht bekennen; dafür gibt es wieder zahlreiche, die – gläubiger sind. Dies bestärkt ihn in seiner Zuversicht und gibt ihm Muth zu neuen Thaten. Die Bühnenerfolge seiner Freunde haben ihn berauscht, jetzt heisst das Ziel seines ganzen Strebens: Aufgeführtwerden!, und schon sehen wir ihn einen kurzen Seitenweg hinter die Coulissen des Burgtheaters einschlagen….
Und nun von ihm, der an dieser Stelle eine unerwartete Bevorzugung erfahren, hinweg zu andern Tischgenossen, die schon warten und sich über Parteilichkeit der Bedienung beklagen. Der bleiche Dichter des athenischen Cassenstückes ist bereits ungeduldig, wiewohl er zu gereift ist, um sich noch über irgend etwas aufregen zu können. Er, der weder radfahren noch kegelschieben kann, mithin dem Director der Hofbühne die Entdeckung seines Talentes erheblich erschwerte, hat sich doch im Burgtheater festzusetzen gewusst. Dies soll daher kommen, weil sein Werk eine höchst glückliche Verbindung missverstandenen griechischen und nicht erfassten modernen Geistes bedeutet. Für das Wienerthum seiner Umgebung bringt er eine unsäglich bukowinerische Note mit, die sich insbesondere darin kundgibt, dass er den x-füssigen Jambus mit grosser Geschicklichkeit anwendet. Sein Stück erweckt den Eindruck, als ob es über Aufforderung Büchmann’s geschrieben wäre. Es enthält eine Reihe überaus mühsam geflügelter Worte, in der Art: „Die Sehnsucht nach dem Glück ist mehr als Glück“, oder: „Wie wenig kennt das Volk doch seine Geister!“. Und über dem Ganzen liegt es wie ein Hauch von Gindely, aber vom kleinen. – Der Ruf eines Grillparzer-Epigonen schmeichelt ihm so sehr, dass er, um mit seinem Vorbilde wenigstens etwas gemeinsam zu haben, beabsichtigen soll, sich jetzt um eine Staatsbeamtenstelle zu bewerben und auch fürder in Allem sich streng nach des Dichters Biographie zu richten. Wenn er schon aus der alt-österreichischen Tradition nicht herausgewachsen ist, entgehen lassen will er sich sie keinesfalls. Möge es ihm nach den Aufregungen und Strapazen der Première nun auch gegönnt sein, in Ruhe zu erleben, was er in seinem Stücke gedichtet hat!
Wer ist jener lebhafte Jüngling, der eben an die Herren des Kreises mit Fragen aller Art herantritt? Eine der seltsamsten Erscheinungen der Kaffeehauswelt, hat er sich dadurch, das man ihn noch niemals sitzen sah, zu einer stehenden Figur des Griensteidl herausgebildet. Er hängt insofern mit der Literatur zusammen, als ihm die Aufgabe obliegt, des Nachts die Dichter nach Hause zu begleiten. Hat einer der Herren einen Erfolg aufzuweisen, so wird Er grössenwahnsinnig, und oft ist er durch das Lob, das Andere ernten, recht übermüthig geworden. Mit seinen literarischen Collegen hat auch er von Goethe manche Anregung erfahren:

- Er ging ins Kaffeehaus so für sich hin,
- Um nichts zu nehmen, war sein Sinn.

Dabei ist er der fleissigste Stammgast. Die Marqueure haben sich an diesen Zustand gewohnt. Anfangs musste er wohl, wenn die Andern bestellt hatten, stets wiederholen: „Mir bringen Sie nichts“; jetzt ist Heinrich schon eingeweiht und sagt immer gleich von selbst: „Herr Doctor – wie gewöhnlich.“ Nur selten kommt es vor, dass Heinrich in seiner feinsinnigen Weise in den Bart brummt: „Zum Anregungenholen allein ist das Kaffeehaus nicht da“, aber sonst kann unser Gast mit der Bedienung zufrieden sein; er müsste sich beklagen, wenn sie zu aufmerksam wäre. Man hilft ihm nicht von seinem Hut und schweren Winterrock, und lässt ihn stundenlang Vorträge über die Bedeutung der ihm Zuhörenden halten. So steht er da, Begeisterung schlürfend, heftig gesticulirend: er wäre ein grosser Schmock geworden, auch wenn er ohne Hände auf die Welt gekommen wäre.

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18 Apr 2009

Die demolierte Literatur – IV

Author: admin | Filed under: Literatur

Karl Kraus – „Wiener Rundschau“, 1896/97, IV

Die Jung-Wiener Dichtergalerie besitzt einen Charakterkopf, der sehr hübsche Ansätze zu einem Dulderantlitz zeigt. Dieser Decadent (Abtheilung für Lyriker) ist durch drei stattliche Gedichtbände, in denen er bewiesen hat, dass er verwelkte Nerven besitzt, für den literarischen Tisch legitimirt. „Neurotica“ wurden confiscirt und hatten „Sensationen“, diese aber „Gelächter“ im Gefolge. Die echte Dichtergabe, aus minimalen Erscheinungen ungeahnte Anregung zu ziehen, ihm ist sie nie versagt geblieben. Stets hat er um mehrere Grade höher gedichtet als erlebt, und wenn man sich nach den Urheberinnen seiner Ekstasen erkundigte, konnte man staunend erfahren, was so ein dämonisches Weib für Minderbemittelte alles imstande ist, wenn es von einem modernen Lyriker empfunden wird. Einst gab er vor, „Alles, was seltsam und krank“, zu lieben. Die Kritik glaubte indess, den Sitz seines Leidens in der Lectüre Baudelaire’s gefunden zu haben, verordnete ihm strengste Diät und untersagte ihm jede Manierirtheit. Er nun, aus Furcht, in eine unheilbare Gesundheit zu verfallen, kehrte sich an diese Massregeln nicht. Hektische Verse flössten ihm Wohlbehagen ein, er erwarb ein literarisches Wappen, in welchem sich eingezeichnet finden: ein Herz, das müd und alt, ein Sinn, der welk und kalt, sowie ein Strauss schwindsüchtiger Tuberosen, mit heimlichen Nerven umwunden. Der Erfolg enthebt ihn aller Reuepflichten, und bei seiner Jugend ist er schon heute ein geübter und tüchtiger Greis.

Endlich einmal ein wirklich Nervöser! Das thut förmlich wohl in dieser Umgebung des posirten Morphinismus. Es ist kein Künstler, nur ein schlichter Librettist, der hier den Andern mit gutem Beispiel vorangeht. Abgehetzt, von den Aufregungen der Theaterproben durch und durch geschüttelt, nimmt er geschäftig Platz: Kellner, rasch alle Witzblätter! Ich bin nicht zu meinem Vergnügen da! – Während seine moderneren Tischgenossen in das geistige Leben Wandel zu bringen bemüht sind, sehen wir ihn dem Handel Eingang in die Literatur verschaffen. Seine Beziehungen zur Bühne sind die eines productiven Theateragenten, und er entwickelt eine fabelhafte Fruchtbarkeit, die sich auf die meisten Bühnen Wiens erstreckt. Nach jeder einzelnen seiner Operetten glaubt man, jetzt endlich müsse sich seine Kraft ausgegeben haben. Doch ein Antäus der Unbegabung, empfängt er aus seinen Misserfolgen immer neue Säfte. Er erscheint fast nie allein auf dem Theaterzettel, und pikant müsste es sein, die beiden Compagnons an der Arbeit zu sehen. Hier ergänzen sich die Individualitäten wohl so am passendsten, dass, was dem Einen an Humor fehlt, der Andere durch Mangel an Erfindung wettmacht. Der Andere ist talentlos aus Passion, der Eine muss davon leben. Doch scheint solch ein Geschäft seinen Mann zu nähren. Heute gehört ihm eine Villa, am Attersee herrlich gelegen, – mit Aussicht auf den Waldberg.

An diesen Kreis von jungen Männern, die nicht schreiben können, sich aber immer nur auf den einen Beruf capriciren, schliesst Einer sich an, der durch Vielseitigkeit wohlthuende Abwechslung bietet: Er kann auch nicht malen. Erst in gereifteren Jahren ging er daran, seiner Unbegabung auch schriftstellerischen Ausdruck zu geben, nicht ohne sich vorher eine feste Grundlage umfassender Bildungslosigkeit geschaffen zu haben, und lange bevor er durch seine eigenartigen Beziehungen zu der deutschen Grammatik von sich reden machte, konnte er auf zahlreiche Misserfolge als bildender Künstler hinweisen. An ihm zerschellt jenes bekannte Witzwort, das noch Alle, die zwei Beschäftigungen in einer Hand vereinigen wollten, glücklich getroffen hat: die Schriftsteller wissen nämlich schon, dass er kein guter Maler, und die Maler täuschen sich nicht mehr darüber, dass er kein guter Schriftsteller ist. Der Letztere bezog lange Zeit hindurch seinen Styl aus Linz, von wo ja bekanntlich seit einigen Jahren alle literarischen Reformversuche ihren Ausgang nehmen. Die Gewalt, die er bereits nach kurzer Schulung der deutschen Sprache anthat, war eine unvergleichliche. Wenn es fremdländische Eigennamen in deutscher Satzverrenkung darzubieten galt, beschämte er den Meister. Einige seiner Perioden werden ihm unvergessen bleiben. Die Sensation einer Ehescheidungsaffaire und des flammenden Protestes, den die Heldin gegen ihre Verfolger publicirt hatte, erreichte erst den Höhepunkt, als unser Schriftsteller zur Feder griff und die erlösenden Worte niederschrieb: „Das Processgebäude, über welches sie sich ergeht, hing lange Jahre wie das Schwert des Damokles über dem Haupte der Verfolgten.“ Ein kleiner Artikel zu Hanslick’s siebzigstem Geburtstage – und die gesammte Auflage seines Blattes war vergriffen. Hanslick, schrieb er damals, sei, „in Prag geboren, früh auf den Spuren seiner Zukunft“ gewesen. Den Feuilletonisten rühmte er also:

Des flüchtigen Blattes Theilung, wo der Geist sich von der sorgenvollen Schwere des Leitartikels, von den ernsten Dingen der Politik erholen, in schönen Gefilden wandeln und sich belehrend erfreuen soll können, bietet, wenn er die Feder führt, in reichlicher Münze das, wozu unter dem Striche der ersten Zeitungsseite das Feuilleton erschaffen ist. Und wenn man sagen sollte, wie es denn sei, dass es gerade von ihm das richtige wäre, wo all die tausend Schreiber mit dem lustigen Worte zur langweiligen tödlichen breitgequatschten Sache Frevel und Missbrauch treiben, so hielte es schwer im Vergleiche.

Aus einer impressionistischen Beschreibung des Leichenbegängnisses eines hohen Herrn:

Gell und grauenhaft steigen Hilferufe auf; ich sehe Körper auf der Strasse liegen und Menschenfüsse sie fast zertreten. Ich sehe Kinder mit entsetzensvollem Ausdruck. Warum man doch immer gerade Kinder mitnimmt ins Gedränge? Warum man der Säuglinge kleine zitternde Körper nicht schont und in die ersichtliche Gefahr des Erdrücktwerdens bringt?..

In den Zweigen der Bäume hängen Buben und Männer. Vergebens sucht man sie zu vertreiben. Immer wieder klettern sie hinauf. Selbst am Gitter des Volksgartens stellen sich Neugierige auf. Sie können zwar nichts sehen; sie bleiben jedoch dort. Sie wollen es so….

Hofrath Kozarek erscheint…

Es fliegen die Hüte von den Häuptern vor dem Leichenwagen mit den blendenden Schimmeln in ihren goldstarrenden Schabraken….

Die hellen Klingen gleiten um Haaresbreite an den Gesichtern der Zuschauer hinter ihnen vorüber….

Besondere Zustimmung aber fand er, als er einmal Gelegenheit nahm, sich über die „schwerflüssigen Sprachwerkzeuge des Herrn Kutschera“ auszulassen.

Die syntaktischen Reformen, die er in unser Schriftthum einführte, haben den Mann populär gemacht. Aber auch inhaltlich hat er, durch Meinung und Tonart seiner Aufsätze, jederzeit im Sinne einer Volksaufheiterung gewirkt. Einer grossen Zugkraft erfreuten sich die köstlichen Wahnvorstellungen, die er zu produciren pflegte, die grotesken Ueberhebungen, zu denen sich der „gemüthliche Wiener Bitz“ verstieg. Keine bedeutungsvolle Entdeckung, die ohne seine Mithilfe gemacht worden wäre, keine künstlerische Persönlichkeit, die nicht von ihm die erste Anregung empfangen hätte. Alles verdankt ihm seine Entstehung, alle hat er „gemacht“. Ueber Mascagni schreibt er:

… Ich trug das Meine bei, um ihm zu helfen mit gefälligen Reclamen.
… So nützte ich ihm gerne, wie gesagt: ich nütze immer Anderen gerne; auch heute noch.

Und in der gleichen Tonart ruft er aus:

Endlich ist es Hermann Sudermann gelungen, mich vollständig zu überzeugen!

Wo der Schriftsteller, sei es durch Undeutsch oder Grössenwahn, das ganze Interesse der Oeffentlichkeit absorbirt – bleibt für den Maler nichts mehr übrig, und er muss der Beliebtheit des Schreibenden weichen. Gerade er nun konnte dem Stillleben zu bedeutendem Aufschwung verhelfen und namentlich als Stylblütenmaler Hervorragendes leisten. Dem Porträtisten begegnet man schon lange mit Misstrauen. In den letzten Jahren haben sich nur mehr Verstorbene von ihm zeichnen lassen, z. B. Bruckner und Tilgner. Kein Tadel kann ihn in solchen Fällen treffen; hat er doch hier die Entschuldigung der vom Tode entstellten Züge für sich.

Probleme sind es, des Schweisses der Edeln werth, welche eine benachbarte Tischgesellschaft in Athem halten. Kein literarischer Misston stört die reine Theaterfreude dieser Menschen, kein Jung-Wiener Künstler verirrt sich hieher. Wer hat am 24. April im Stadttheater in Regensburg den dicken Herrn in der „Wildente“ gespielt? Wann trat Herr Rottmann im Burgtheater zum letztenmal auf? Diese und ähnliche Themen, sonst mit Leidenschaft erörtert, müssen doch in den Hintergrund treten, wenn die Lebensfrage auftaucht: Sind heut’ Freikarten? Jedem Schauspieler ist ein Theaterinteressent an die Seite gegeben, der ihm mit demselben Respecte zuhört wie jener dem Kritiker des Tisches. Da sind pathetische Vorstadtmimen, die in der Josefstadt die Tradition des Burgtheaters hochhalten; da gibt es Bühnengrössen, die auf eine langjährige Wirksamkeit in der Theaterloge zurückblicken können und sich einen Ruf als Zuschauspieler des Burgtheaters gemacht haben.

Es folgen Tische, deren Verhältniss zur Literatur nur noch ein sehr gelegentliches ist. Hier sitzen Leute, deren Talent sich in den Randbemerkungen und Glossen ausgibt, mit welchem sie sämmtliche im Literatencafé aufliegenden Zeitschriften versehen. Manche schreiben in die vornehmsten Revuen des In- und Auslandes. Diese Autoren unterzeichnen nicht mit vollem Namen, bleiben demnach dem grossen Publicum unbekannt. Gleichwohl besitzt ein jeder von ihnen seine markante Eigenart. Da ist Einer, der durch Jahre und in dem Wechsel der Richtungen, welchem dieses Kaffeehaus unterworfen war, seinen Standpunkt bewahrt hat; von ihm liest man immer noch die eine Aeusserung: „Jud!“

Nicht einmal zu dieser Höhe der Production vermochte sich eine Gruppe von Jünglingen emporzuschwingen, denen nur der Vorwand, Stimmungen leicht zugänglich zu sein, ein Plätzchen im Locale der modernen Schriftsteller eingeräumt hatte. Manche unter ihnen wussten sich noch insoweit nützlich zu machen, als sie den Verkehr zwischen den einzelnen Tischen vermittelten, den Gästen Theaternachrichten zutrugen und vielen wirklich die Lectüre der Journale ersparten. Als diese Gesellschaft eines Tages nicht mehr erschien, versicherte der Marqueur in seiner feinsinnigen Weise, die Herren seien nicht allein den Beweis literarischer Fähigkeit schuldig geblieben.

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21 Mai 2008

Zahnanästhesie – Einleitung

Author: admin | Filed under: Zahnanästhesie

Historische Betrachtung der Anästhesie im Bereich der Mundhöhle von 1919

Je weitere Verbreitung die exakte, auf anatomischen Grundlagen aufgebaute Technik der lokalen Anästhesie im Spezialgebiete der Zahnheilkunde gewinnt, je mehr die Ansicht durchdringt, der Patient habe das Recht zu fordern, daß jeder Eingriff schmerzlos geschehe, desto mehr tritt die Notwendigkeit hervor, diese Technik so auszugestalten, daß sie nicht nur in der Hand dessen eine sichere Anwendung erlaubt, der durch jahrelange Übung die „gefühlsmäßige“ Ausführung erlernt hat. Es soll vielmehr der Wahrscheinlichkeitskoeffizient des Gelingens vor allem dadurch immer weiter erhöht werden, daß die Methodik nicht allein auf die möglichst sichere Ausführbarkeit, sondern auch auf die möglichst leichte Erlernbarkeit hinzielt. Und dazu erscheint das Heranziehen gerade der anatomischen Grundlagen, wie bei der Herstellung von Zahnprothesen, in noch höherem Maße erwünscht als dies bisher geschah. Es ist dabei vor allem dem Umstand Rechnung zu tragen, daß wir es niemals mit dem Typus der Gattung Homo zu tun haben, sondern immer mit einem Individuum. Mittelzahlen, die in jedem Buche über Anästhesie eine so große Rolle spielen, sollen daher möglichst vermieden werden; sie können als Anhaltspimkte für die beiläufige Orientierung noch immer gute Dienste leisten, aber sie dürfen nicht das Fundament einer Methode bilden. Das Aufsuchen gerade jener anatomischen Merkmale, die die individuellen Variationen zu parieren erlauben, war ein Prinzip, von dem ich mich in der Darstellung der Anästhesierungsmethoden leiten ließ.

Für die Darstellung in Schriftform, ist noch eine Reihe anderer Gesichtspunkte maßgebend. Die Auswahl der Methoden muß so geschehen, daß tatsächlich die besten allein zur Darstellung gelangen. Eine Überladung eines Berichtes mit historischen oder literarischen oder kritischen Betrachtungen scheint mir verfehlt. Ein Hauptaugenmerk muß femer der bildlichen Wiedergabe zugewendet werden. So banal dieses Postulat klingt, ist es doch nicht leicht erfüllbar und ein Blick in die beiden verbreitetsten Lehrbücher der Lokalanästhesie in der Zahnheilkunde, in die Bücher von Fischer und von Bunte und Moral genügt, um sich zu überzeugen, daß diese Forderung in diesen Werken völlig unerfüllt bleibt.

Diese Prinzipien der möglichst breiten anatomischen Fundierung, der gedrängten Auswahl der Methoden und ihrer möglichst exakten bildlichen Darstellung, womöglich nach eigenen, für den besonderen Zweck hergestellten Präparaten, haben mich bei der Verfassung des vorhegenden kurzen Werkes geleitet.

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20 Mai 2008

Medikamente in der Zahnanästhesie

Author: admin | Filed under: Zahnanästhesie

Historische Betrachtung der Anästhesie im Bereich der Mundhöhle von 1919 (Medikamente)

Nach dem übereinstimmenden Urteil fast aller Fachleute besitzen wir in dem Novokain-Suprareningemisch ein fast ideales Anästhetikum. Seine geringe Giftigkeit, seine geringen allgemeinen Nebenwirkungen, die überdies bei den geringen in der Zahnheilkunde nötigen Dosen noch viel weniger ins Gewicht fallen, lassen es vorläufig als unser bestes Medikament erscheinen. Es ist daher im folgenden nur dieses eine Anästhetikum der Technik der Lokalanästhesie zugrunde gelegt.
Seine Anwendungsart ist am besten entweder die Ampullenform oder die der Tabletten. Ist erstere gewiß die bequemste, so ist doch die letztere in jeder Hinsicht die allersicherste. Es bezieht sich dies erstens auf die Haltbarkeit des Suprareninzusatzes, die in der festen Tablette eine größere ist als in der Lösung der Ampulle, und zweitens auf die sicher zu erzielende Sterilität der Injektionsflüssigkeit, die eine Conditio sine qua non für die Applikation des Anästhetikums ist. Auf dieses letztere Postulat kann nicht eindringlich genug hingewiesen werden. Sterilität der Lösung und des Instrumentars sind um so präziser zu beobachten, als ja unser Operationsgebiet, die Mundhöhlenschleimhaut, nur keimarm gemacht werden kann.
Als die besten Fabrikate können für die Ampullen jene der Höchster Farbwerke und jene von Dr. Heisler gelten. Beide werden seit einiger Zeit mit einem Zusatz von Kaliumsulfat versehen, der eine Vertiefung der Anästhesie bewirken soll.
Bezüglich des Gebrauches der Ampullen, die im allgemeinen eine 2%ige Novokainlösung enthalten, geht man am besten nach den Weisungen Fischers vor. Die Ampullen werden nach gründlicher Reinigung mit Lysol- oder Karbollösung in 70% Alkohol aufbewahrt. Aus diesem wird die Ampulle bei Bedarf mit einer sterilen Pinzette entnommen und nun wird, ohne daß eine Feile zum Anritzen verwendet würde, der Hals der Ampulle mit einem sterilen Tupfer gefaßt und abgebrochen. Dann kann mit der sterilen Nadel die Flüssigkeit in die sterile Spritze aufgesaugt werden.
Die Verwendung der Ampullen ist nur solange möglich, als das darin enthaltene Suprarenin oder Adrenalin unzersetzt ist. Glücklicherweise haben wir einen ausgezeichneten Indikator für die Brauchbarkeit der Lösung in deren Farbe. Die Zersetzung des Suprarenins bedingt nämlich sofort eine Verfärbung der zunächst farblosen Flüssigkeit ins Gelbe, später Braune. Durch Aufbewahren an einem kühlen, dunklen Ort kann die Haltbarkeit der Ampullen sehr verlängert werden.

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Historische Betrachtung der Anästhesie im Bereich der Mundhöhle von 1919 (Instrumente)

Die Wahl der Injektionsspritze und Injektionsnadeln hat, meiner Überzeugung nach, vor allem nach dem Prinzip der Einfachheit bei sicherer Brauchbarkeit zu geschehen. Seit Jahren verwende ich ausschließlich die unmodifizierten Rekordspritzen und habe nie das Bedürfnis nach einer anderen Spritze gefühlt. Die Rekordspritze erscheint durch ihre einfache Zerlegbarkeit und durch die Möglichkeit, sie eben so rasch wieder zusammenzusetzen, vor allem dazu geeignet, ihr Auskochen, das ja in zerlegtem Zustand geschehen muß, am einfachsten zu erlauben; gerade die Forderung aber, die Spritze vor jeder Injektion auszukochen, halte ich für unerläßlich. Dazu kommt noch, daß die Nadeln auf die Rekordspritze selbst nur aufgesteckt werden müssen, was einen wohltuenden Zeitgewinn gegenüber dem Aufschrauben bei anderen Spritzen bedeutet. Dabei ist aber dieser Mechanismus vollkommen genügend, um auch dem stärksten in Betracht kommenden Druck — bei der Injektion in die Gaumenschleimhaut — standzuhalten, wenn nur die Nadeln wirklich passen. Man wählt am besten Spritzen mit einer Fassung von 2 cm. Als Nadeln kommen drei Formen in Betracht. Für die subperiostale —verwende ich die Subkutan -Nadel. Für die tiefe Leitungsanästhesie ist eine 0,75 — 0,8 mm starke, 5 cm lange Nadel am brauchbarsten. Als dritte Nadel kommt noch für die Anästhesie am Foramenrotundum und ovale eine 1 mm starke, mindestens 8 cm lange Nadel in Betracht. Während die feine Nadel in der gebräuchlichen Form verwendbar ist, sollen die stärkeren für die Tiefeninjektion bestimmten Nadeln eine weniger stark abgeschrägte Spitze haben, als es sonst üblich ist. Daß natürlich eine Nadel aus Piatiniridium jeder anderen vorzuziehen ist, versteht sich von selbst, doch leisten auch die käuflichen Stahlnadeln, wenn sie nur ordentlich vernickelt sind, gute Dienste. Für die Auswahl der Nadeln waren folgende Gründe maßgebend. Zunächst braucht man eine feine Nadel, deren Einstich fast unfühlbar ist, für alle jene Fälle, wo es nur darauf ankommt, an einer bestimmten Stelle Schleimhaut und Periost oder äußere Haut zu durchstoßen und höchstens kleinere Verschiebungen am Knochen durchzuführen. Für die Injektionen in größerer Tiefe aber ist meiner Meinung nach das Abtasten des Knochens mit der Nadelspitze das wichtigste Mittel, um eine wirklich sichere Orientierung zu ermöglichen. Daher die verhältnismäßig grobe Nadel. Ihre Länge erklärt sich aus der Erwägung, daß das Abbrechen der Nadel einen der unangenehmsten Zufälle bei einer Injektion darstellt, der oft genug schon Anlaß für große chirurgische Eingriffe gewesen ist.
Da nun die Nadel so gut wie immer an der Lötstelle des Ansatzes mit der Kanüle bricht, ist es angezeigt, die Nadel so lang zu lassen, daß das Ende nach einem Abbrechen möglichst weit und gut faßbar vorsteht. Daß der Einstich mit einer so groben Nadel etwas schmerzhaft ist, kommt nicht in Betracht. Erstens ist der Schmerz recht gering, wenn die Nadel — worauf oft zu wenig geachtet wird — tadellos scharf ist. Und zweitens ist man bei besonders empfindlichen Patienten in der Lage, das Einstichgebiet zuerst mit der feinen Nadel mit wenigen Tropfen der Lösimg durch submuköse Injektion zu anästhesieren, eventuell auch durch Auflegen eines Wattebäuschchens.Bei der perkutanen Injektion wird ja, nach Braun, regelmäßig zuerst eine intrakutane Quaddel gesetzt, um den Einstich mit der gröberen Nadel schmerzlos zu gestalten. Nicht zuletzt hat das angegebene Instrumentar den Vorzug der großen Einfachheit für sich. Bezüglich der Vorbereitung des Operationsfeldes ist ein kräftiger Jodanstrich der Einstiches jeder anderen vorzuziehen.
Nochmals möchte ich als wichtigsten Leitsatz der Injektionstechnik im allgemeinen die unbedingte Notwendigkeit betonen, steril zu arbeiten. Sterile Lösung, sterile Spritze, sterile Nadeln, endlich möglichst steriles Operationsfeld sind die unerläßlichen Vorbedingungen für ein gedeiliches Arbeiten.

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18 Mai 2008

Innervation der Kiefer

Author: admin | Filed under: Zahnanästhesie

Historische Betrachtung der Anästhesie im Bereich der Mundhöhle von 1919 (Innervation der Kiefer)

Bevor wir die verschiedenen Methoden der Anästhesie im Bereiche der Mundhöhle besprechen können, müssen wir uns zunächst Kenntnis verschaffen von der Innervation der Zähne, der Kiefer und ihrer Decken. Hier handelt es sich vorläufig um die rein beschreibende Darstellung dieser Verhältnisse, wobei auf die genaue Topographie der Nervenstämme noch nicht eingegangen werden soll. Dies bleibt vielmehr der Besprechung der Stammanästhesie vorbehalten. Die Innervation der Kiefer und der Zähne zeichnet sich dadurch aus, daß hier zwischen die zuführenden Nervenstämme und ihre Endorgane in deren unmittelbaren Nähe ein Nervengeflecht eingeschoben ist — Plexus dentalis superior und inferior — , von dem aus erst die feinen Äste an die Erfolgsorgane abgehen. Unabhängig von diesem Plexus werden nur bestimmte Anteile der Schleimhaut und des Periostes von anderen Nerven versorgt. Im Oberkiefer — dessen Gesamtversorgung dem II. Trigeminusaste zugehörig ist — wird das Nervengeflecht von einer Beihe kleiner Nervenäste gebildet, die sämtlich Zweige des Nervus infraorbitalis sind. Es sind dies die Nervi alveolares superiores, die in eine vordere und eine rückwärtige Gruppe zerfallen, denen in variabler Weise noch ein Nervus alveolaris superior medius zugesellt sein kann. Die Nervi alveolares superiores posteriores, gewöhnlich 2 — 4 an der Zahl, verlassen gesondert oder zu einem kurzen Stamm vereint den Nervus infraorbitalis dort, wo er sich aus der Flügelgaumengrube kommend in eine Furche am oberen Rand des Tuber maxillae einbettet. In ihrem nach vorne und abwärts gerichteten Verlauf erreichen sie bald feine Löchelchen etwa in der Mitte der hinteren Fläche der Maxiila, um hier in feine Kanäle einzutreten, die in den spongiösen Kaum leiten, der über den Zahnwurzeln gelegen, den Plexus dentalis superior enthält. Ein feiner Ast zieht als R. gingivalis oft direkt zur vestibulären Schleimhaut der Molarengegend. Ist ein Nervus alveolaris superior medius vorhanden, dann löst er sich gewöhnlich etwas weiter peripher vom N. infraorbitalis los, dort, wo dieser die Fissura orbitalis inferior betritt. Seine Eintrittsstelle in den Knochen liegt oft ziemlich weit über jener der N. alveolares superiores i osteriores. Die Nervi alveolares superiores anteriores entspringen vom N. infraorbitalis während seines Verlaufes im Canalis infraorbitalis, bevor er diesen am Foramen infraorbitale verläßt. Ebenfalls in feine Knochenkanäle eingeschlossen, die aber oft gegen die Schleimhaut des Sinus niaxillaris dehiszent sind, verlaufen sie nach innen und unten bis in die Nähe der Apertura piriformis, wo sie sich allmählich in den Plexus dentalis einsenken.

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Historische Betrachtung der Anästhesie im Bereich der Mundhöhle von 1919 (Einteilung der Injektionsarten)

Aus dieser kurzen Beschreibung der Innervationsverhältnisse läßt sich nunmehr eine Übersicht über die möglichen Methoden der Anästhesie gewinnen. Im allgemeinen wird in der Zahnheilkunde eine Schleimhautanästhesie oder lokale Anästhesie im engeren Sinne von der Leitungsanästhesie unterschieden. Diese Lokalanästhesie ist aber im Grunde doch nur eine Leitungsanästhesie, allerdings in der Nähe der Endigungen der Nerven, nämlich am Plexus dentalis. Die „Leitungsanästhesie“ dagegen erreicht die Stämme der Alveolaraerven vor ihrem Eintritt in den Plexus dentalis. Es erscheint daher korrekter, die Bezeichnungen Plexusanästhesie und Stammanästhesie einzuführen. Haben wir so eine Einteilung der Anästhesien nach den anatomischen Verhältnissen vorgenommen, so könnte noch der Zweck der Anästhesie für eine Einteilung maßgebend sein. Es kann sich nämlich in dem einen Fall darum handeln, an einem Zahn einen auf diesen selbst beschränkten Eingriff vorzunehmen — (Präparation von Kavitäten, Devitalisation) — , oder aber es ist ein Eingriff geplant, der Zahn- und entsprechenden Kieferanteil samt dessen Weichteilen betrifft (Siehe dazu Zahnklinik Ungarn). Diese beiden Arten von Anästhesien, die man als Pulpaanästhesie und Kieferanästhesie einander gegenüberstellen kann, unterscheiden sich voneinander in mehr als einer Hinsicht. Erstere, die Pulpaanästhesie, setzt nur die Betäubung jener Nervenfasern voraus, die in den Zahn eintreten. Sie ist daher entweder eine reine Plexusanästhesie oder eine reine Stammanästhesie der Alveolarnerven. Anders die Kieferanästhesie. Da hier auch die Weichteile der Kiefer — also Schleimhaut und Periost — gefühllosgemacht werden sollen, müssen wir in diesem Falle jene Nerven mitanästhesieren, die, wie früher beschrieben, unabhängig vom Plexus dentalis zur Schleimhaut bestimmter Kieferanteile verlaufen. Die Kieferanästhesie setzt also immer eine weitergehende Anästhesie voraus. Dafür aber muß die Pulpaanästhesie in der Regel tiefer sein als die Kieferanästhesie. Dies erklärt sich zum Teil daraus, daß der auf den Zahn beschränkte Eingriff sowohl im Dentin, als auch besonders in der Pulpa, vor allem die Nervenendungen trifft, während z. B. bei der Extraktion hauptsächlich Nervenstämmchen verletzt werden. Wir wissen aber auch von anderen Organen, daß die Nervenendungen bedeutend empfindlicher sind als die Stämme; so ist die außerordentliche Empfindlichkeit der Komeaoberfläche wohl bekannt, im Gegensatz zu der fast unempfindlichen Tiefe, z.B. am Boden eines Komealgeschwürs. Außerdem aber spielt auch sicherlich der Reizzustand der Nerven eine große Rolle. Dadurch ist es erklärlich, daß die Pulpa akut pulpitischer Zähne so außerordentlich schwer zu anästhesieren ist, während umgekehrt eine akute Periodontitis auch die Kieferanästhesie erschwert. Daher ist im allgemeinen die Dosierung für die beiden Arten von Anästhesien eine verschiedene. Für die Pulpaanästhesie muß die injizierte Menge des Aiiästhetikums auf das Vielfache der Menge bei Kieferanästhesie erhöht werden. Dabei ist überdies die Erhöhung der Konzentration sehr brauchbar, die wir bei Kieferanästhesie im allgemeinen Pulpaanästhesie nehmen. Der folgenden Darstellung soll die erste der beiden Einteilungsformen der Anästhesien zugrunde gelegt werden, nämlich die in Plexusanästhesie und Stammanästhesie. Im Rahmen dieser Einteilung findet dann noch die Unterscheidung in Pulpa- und Kieferanästhesie Berücksichtigung.
Nur noch wenige Worte über die Anwendung der Pulpaanästhesie speziell für die Präparation von Kavitäten. Es soll nämlich dem eventuellen Mißverständnis vorgebeugt werden, als ob ich auf dem Standpunkt stünde, daß jeder konservativen Behandlung eine Anästhesie vorausgehen solle. Sehr oft ist ja der Schmerz bei der Präparation der Kavität so gering, zum mindesten so erträglich, daß die Anästhesie eine unnötige Komplikation des Eingriffes darstellen würde. Es empfiehlt sich daher, so vorzugehen, daß man die Kavitätenpräparation ohne weiteres beginnt, aber sofort eine Anästhesie vornimmt, wenn während des Eingriffes die Schmerzen das leicht erträgliche Maß überschreiten.
Noch ein anderer Punkt verdient Erwähnung. Da, wie wir noch später sehen werden, fast alle Anästhesien — Plexus- und Stammanästhesien — nur perineurale Injektionen sind, ist in manchen Fällen, trotz Erhöhung der Konzentration und der Dosis die Tiefe der Pulpaanästhesie nicht genügend, um die Pulpa selbst schmerzlos entfernen zu können. Bei richtiger Applikation gelingt es aber immer, die Empfindlichkeit soweit herabzusetzen, daß die Freilegung der Pulpa ohne nennenswerten Schmerz möglich ist. Dann aber ist bei der bereits hypästhetischen Pulpa die Druckanästhesie immer von Erfolg begleitet.

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16 Mai 2008

Die Plexusanästhesie

Author: admin | Filed under: Zahnanästhesie

Historische Betrachtung der Anästhesie im Bereich der Mundhöhle von 1919 (Die Plexusanästhesie)

Eine Infiltration der Nervenendigungen selbst ist im Kiefer, abgesehen von einer reinen Sehleimhautanästhesie, undurchführbar, bestenfalls kann sie sich auf die im Periodontium befindlichen Endigungen beziehen, während der in die Pulpa eindringende Nervenfaden immer in seinem Verlauf außerhalb des Zahnes vom Anästhetikum getroffen wird. Eine Methode zur Infiltration der Nerven im Periodontium, die noch jetzt geübt wird, ist jene der Injektion des Anästhetikums in die Zahnfleischpapillen oder den Zahnfleischrand. Von dieser Applikationsart ist wohl abzuraten. Zunächst ist der Einstich sowohl als die Injektion in dieses straffe Gewebe sehr schmerzhaft. Weiters ist aber auch die Menge der injizierten Flüssigkeit wegen der Straffheit des Gewebes nur eine geringe. Wenn man nun bedenkt, daß diese Flüssigkeit durch den engen Periodontalraum eindringen soll und bis zur Wurzelspitze vordringen muß, um die Injektion erfolgreich zu gestalten, dann ist es klar, daß der Erfolg nur ein sehr unsicherer ist, besonders wenn es sich um mehrwurzelige Zähne handelt. Einen sicheren Erfolg hingegen stellt die Leitungsunterbrechung des Plexus dentalis dar, wenn man nur die Indikation für ihre Anwendung strikte nach den anatomischen Verhältnissen stellt. Das Gelingen dieser Anästhesie — der Plexusanästhesie — , die zunächst zur Betäubimg eines einzelnen Zahnes gedacht ist, setzt voraus, daß das subperiostal auf die vestibuläre Kieferfläche injizierte Medikament die äußere Knochenkompakta durchdringt, um den im spongiösen Raum untergebrachten Plexus dentalis zu erreichen. Ihr Gelingen und damit auch ihre Anwendbarkeit wird daher zunächst abhängen von der feineren Struktur des Kieferknochen. Hier finden wir nun beträchtliche Unterschiede zwischen Oberkiefer und Unterkiefer. Die Kompakta des Oberkiefers ist besonders bei jugendlichen Individuen immer von einer größeren Zahl feiner Löchelchen perforiert, die Blut- oder Lymphgefäßen oder auch Nerven zum Durchtritt dienen. Überdies ist sie an der Außenfläche des Alveolarfortsatzes fast überall recht dünn. Nur an einer Stelle finden wir eine oft beträchtliche Verstärkung der äußeren Kompakta, die dort naturgemäß auch ein dichteres Gefüge zeigt. Es ist dies jene Knochenleiste, die von der Wurzel des Processus zygomaticus der Maxiila zur Alveole des ersten Mahlzahnes zieht und den Namen Crista zygomaticoalveolaris führt. Ganz im Gegensatz zu dem Verhalten des Oberkiefers finden wir die Kompakta im Unterkiefer nicht nur immer von beträchtlicher Dicke — 2 — 3 mm und mehr — sondern sie ist hier auch von dichtem, elfenbeinartigem Gefüge. Nur im Bereiche der Prontzähne ist sie meist dünner und hier zeigt sie auch fast regelmäßig eine größere Zahl von Knochenöffnungen. Diese liegen gehäuft in einer seichten Grube, die sich jederseits unterhalb der Wurzeln des Eckzahnes und der Schneidezähne, oberhalb und seitlich der Protuberantia mentalis findet. Es ist dies die Fossa mentalis. An dieser Stelle verläuft im Knochen der vorderste Anteil des Canalis mandibularis. Aus dem eben Gesagten geht bereits eindeutig hervor, daß die Plexusanästhesie zwar im Bereiche des ganzen Oberkiefers (vielleicht mit Ausnahme des ersten Molaren bei stark ausgebildeter Crista zygomaticoalveolaris) anwendbar ist, daß sie aber im Unterkiefer auf das Gebiet der Prontzähne beschränkt werden muß, während sie im Gebiete der Prämolaren und Molaren unbedingt durch die Leitungsanästhesie am Nervenstamm ersetzt werden muß. Wenn auch in einzelnen Fällen die Anästhesierung eines unteren Molaren durch subperiostale Lijektion gelingen kann, so ist sie doch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle erfolglos. Und nur eine sichere Methode ist auch brauchbar. Bezüglich der genauen Technik der Plexusanästhesie muß noch der Ort des Anästhesiedepots und die Einstichstelle genau lokalisiert werden. Erstere ergibt sich aus der Lage des Plexus dentalis über den Wurzelspitzen ohne weiteres. Die Wahl der Einstichstelle jedoch setzt noch ein genaueres Studium der Schleimhautverhältnisse voraus. Die Mukosa des Vestibulum oris ist nämlich, soweit sie den Kiefer an seiner Außenfläche bekleidet, keineswegs von einheitlichem Bau. An normalen Lidividuen kann man deutlich den den Zähnen benachbarten, eigentlich gingivalen Anteil von jenem imterscheiden, der sich bis zum Fomix vestibuli oris fortsetzt und in die Schleimhaut von Lippe oder Wange übergeht. Diese beiden Anteile setzen sich gegeneinander in einer, mehr minder scharfen, guirlandenförmig verlaufenden Linie ab. Der gingivale Anteil, durchschnittlich 5 mm breit, ist normalerweise leicht vorgewulstet , blaß und derb. Hier ist die Mukosa mit dem darunterliegenden Periost straff verbunden, so daß zwischen Knochen und Epithel füglich nur eine einheitliche Bindegewebsschichte dargestellt werden kann. Der peripher gelegene Schleimhautbezirk dagegen sinkt etwas ein, ist deutlich dunkler rot tingiert und durch lockers submuköses Gewebe an das Periost geheftet.
Hier kann die Schleimhaut stets leicht verschoben oder in Falten aufgehoben werden. Diese Unterteilung der vestibulären Schleimhaut, die bisher meines Wissens noch nicht präzise beschrieben wurde , ist für die zahnärztliche Chirurgie (zahnklinik ungarn PM) überhaupt bedeutimgsvoll. Für unseren Fall besagt sie, daß der Einstich immer in dem locker an die Unterlage fixierten Schleimhautbezirk geschehen muß. Dafür sind zwei Gründe vor allem maßgebend. Erstens ist hier der Einstich im Gegensatz zu dem in das straffe gingivale Gewebe bedeutend weniger schmerzhaft, und zweitens ist die Nadel nach Durchdringen der locker fixierten Schleimhaut, wieder im Gegensatz zu dem Verhalten an der Gingiva sensu strictiori, noch immer beweglich und so kann man Verschiebungen der Nadel leicht vornehmen, die wir, besonders bei der Plexusanästhesie mehrerer Zähne von einem Einstich aus, brauchen. Damit haben wir Einstichpunkt sowohl, als Zielpunkt der Injektion kennen gelernt. Ersterer liegt in dem locker angehefteten Schleimhautbezirk, ca. 8 — 10 mm von der Zahnfleischgrenze entfernt in der Mitte irgend eines Zahnes; das Ziel der Injektion ist die Gegend knapp über der Wurzelspitze des zu anästhesierenden Zahnes, bei den Frontzähnen des Unterkiefers die Fossa mentalis.
Die genauere Technik gestaltet sich also bei der Plexusanästhesie an den hierfür in Betracht kommenden Zähnen folgendermaßen; Einstich ca. 8—10 nun über der Zahnfleischgrenze entsprechend der Mitte des Zahnes. Dabei richtet man die Spritze möglichst senkrecht auf den Knochen, um ihn sofort zu erreichen und ein Vorbeigleiten in die Weichteile von Lippe oder Wange zu vermeiden. Nach dem Einstich wird sofort ein wenig Flüssigkeit entleert, um das weitere Vordringen der Nadel schmerzloser zu gestalten. Jetzt wird die Spritze so eingestellt, daß sie mit der Oberfläche des Knochens einen spitzen Winkel bildet und nun schiebt man die Nadel, deren Öffnung gegen den Knochen gerichtet ist, langsam vor, bei auftretenden stärkeren Schmerzen eventuell wieder unter Injektion weniger Tropfen der Lösung. Liegt nun die Nadelspitze jenseits der Wurzelspitze des Zahnes dem Knochen hart an, so wird hier bei einwurzeligen Zähnen ungefähr 0,75, bei mehrwurzeligen 1,00 cm’ einer 1%iger, öligen Lösung injiziert, wenn es sich nicht um die Anästhesie der Pulpa handelt. In diesem Falle sind die Dosen, wie schon früher erwähnt, auf ungefähr das 1,5fache zu erhöhen.
Ist das Depot an der vestibulären Kieferfläche angelegt, dann ist nach einer Wartezeit von ungefähr 8 — 10 Minuten die Anästhesie des Plexus eingetreten. Sie erlaubt uns Eingriffe am Zahn selbst — Präparation von Kavitäten, Pulpaextraktion — nicht aber operative Eingriffe, die außer dem Zahn auch den gesamten Alveolarfortsatz treffen. Hierzu ist immer noch eine Betäubung der oralen Decke des Kiefers — Schleimhaut und Periost — notwendig, die ja. wie früher erwähnt unabhängig vom Plexus dentalis innerviert wird. Im Oberkiefer sowohl als im Unterkiefer ist daher noch eine Injektion in die Schleimhaut an der Kieferinnenseite vorzunehmen. Dafür gelten folgende Regeln. Die Injektion an die palatinale Oberkieferfläche bietet keine Schwierigkeiten. Man sticht durchschnittlich 1 cm von der Zahnfleischgrenze entfernt in jene Furche ein, die zwischen Gaumendach und Alveolarfortsatz leicht erkennbar ist, und die, wie früher gesagt wurde, den Ästen des Bamus anterior der Gaumennerven zum Verlaufe nach vorne dient. So ist es möglich, die kleinen für Periost und Schleimhaut bestimmten Äste bei oder knapp nach ihrem Abgang vom Hauptstamm zu erreichen. Dasselbe gilt für den Bezirk des Os incisivum, wo wir die Äste des Nervus nasopalatinus treffen. In der Molarengegend wird überdies diese Injektionsart oft zweckmäßig durch die Leitungsanästhesie am Foramen palatinum majus ersetzt (siehe unten). Die Nadel wird auch hier immer möglichst senkrecht auf die Schleimhaut aufgesetzt und mit einem Ruck bis an den Knochen vorgestoßen; so vermeidet man einerseits das Abirren in die Gaumenweichteile, wie es bei spitzwinkeligem Aufsetzen der Nadel vorkommt und macht andererseits diesen Einstich möglichst wenig schmerzhaft. Im Unterkiefer stößt die Injektion an die Kieferinnenfläche im Gebiet der Frontzähne auf etwas größere Schwierigkeiten. Sie erklären sich daraus, daß hier die Zähne senkrecht, zuweilen sogar etwas nach innen invertiert, eingepflanzt sind und daß überdies der gingivale Anteil der Schleimhaut in Form eines Wulstes nach iimen vorspringt. Unterhalb des Wulstes aber, in die locker angeheftete Schleimhaut muß injiziert werden. Man hilft sich hier derart, daß man mit dem Zeigefinger der freien Hand die Injektionsstelle — also ca. 1 cm unterhalb des Zahnfleischrandes — ertastet und fixiert und nun unter der Leitung dieses Fingers die Spritze schräg von der anderen Kieferseite in fast frontaler Richtung einführt, um dann die Schleimhaut zu durchstechen. Die Spritze wird ein wenig vorgeschoben und dann entleert. Für sämtliche Injektionen an der Kieferinnenfläche, soweit sie das Gebiet eines Zahnes betreffen, genügt die Injektion von 0,3 — 0,5 cm der Lösung, je nachdem es sich um ein- oder mehrwurzelige Zähne handelt.
Das bisher Gesagte bezieht sich immer auf die Anästhesie eines Zahnes mit dem dazugehörigen Anteil des Alveolarfortsatzes und seiner Bedeckung. Will man zwei oder drei benachbarte Zähne durch die Plexusanästhesie betäuben, so geht man so vor, daß man entweder die Anästhesie für jeden Zahn einzeln durchführt. Oder aber man kann im Bereiche der vorderen Zähne in der Mitte des zu anästhesierenden Gebietes, natürlich im Bereiche der locker fixierten Schleimhaut, einstechen und führt die Nadel zunächst schräg gegen die Wurzelspitzengegend des distalen Zahnes. Ist dort das Depot angelegt, dann wird die Nadel zurückgezogen, bis nur wenige Millimeter unter der Schleimhaut verborgen bleiben. Gerade durch den Einstich in die locker angeheftete Mukosa behält man die Nadel soviel Bewegimgsfreiheit, daß ihre Richtung leicht geändert werden kann und sie jetzt gegen den zweiten, nochmals eventuell gegen den dritten Zahn vorgeschoben werden kann. Selbstverständlich erfolgt dann die Anästhesie eines entsprechend breiten Gebietes der Schleimhaut an der Innenfläche des Kiefers, falls eine Kieferanästhesie bezweckt wird.
Die Anwendung der Plexusanästhesie ist aber nicht allein von den anatomischen Verhältnissen der Knochen abhängig, sondern in allen Fällen natürlich auch vom Verhalten der Schleimhaut und des Periostes. Ist es nämlich im Gefolge einer Periodontitis eines Zahnes bereits zu einer entzündlichen Veränderung der Kieferdecken gekommen, die sich in einer Infiltration oder gar in Abszeßbildung äußert, dann ist die „lokale* Injektion unter allen Umständen kontraindiziert. Nicht nur wegen der größeren Schmerzempfindung beim Einstich oder bei der Injektion, nicht nur wegen der schlechteren Wirkung der Anästhesie im entzündeten und daher hyperämischen Gewebe, aus dem eine viel zu rasche Fortschaffung der Flüssigkeit stattfindet, da der Adrenalinzusatz die Kontraktion der maximal diktierten Gefäße nicht voll herbeiführen kann. Letzterem Ubelstand suchte man in neuester Zeit (Kneukker) durch Konzentrationserhöhung der Lösung abzuhelfen (47o Novokain), wobei es wohl sehr viel auf den gleichzeitig erhöhten Adrenalingehalt ankommt. Der wichtigste Grund für das Verbot der Injektion in entzündetes Gewebe stellt die eminente Gefahr der Propagation von infektiösen Keimen in die Lymph- oder Blutbahn, also die Erzeugung einer Sepsis, durch den Injektionsdruck dar. Und wenn auch dieser traurige Zufall gewiß nur selten zur Beobachtung kommt, so muß uns schon seine Möglichkeit eindringlichst davor warnen, die Plexusanästhesie bei infiltrierter Schleimhaut anzuwenden. Beschränken also schon die anatomischen Verhältnisse die Anwendbarkeit der Plexusanästhesie auf bestimmte Abschnitte des Gebisses, so erfährt sie durch die häufigen entzündlichen Veränderungen von Periost und Schleimhaut eine weitere Einschränkung. Um so wichtiger ist das volle Verständnis und die Sicherheit in der Ausführung der Leitungsanästhesie sensu strictiori, also der Anästhesie an den Stämmen der Alveolamerven.

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